Wenn in Österreich darüber gesprochen wird, wer studiert und was, fällt früher oder später ein Begriff: die soziale Herkunft. Hinter dem etwas sperrigen Wort verbirgt sich eine erstaunlich konkrete Realität. Ob ein junger Mensch an die Universität Wien, die TU Graz oder die JKU Linz geht, ob er Medizin, Lehramt oder gar nichts davon wählt, hängt messbar damit zusammen, welchen Bildungsabschluss die eigenen Eltern haben. Die Frage, wie viel Einfluss Eltern auf die Studienwahl nehmen, lässt sich deshalb nicht allein mit Erziehungsstilen oder gut gemeinten Ratschlägen am Küchentisch beantworten. Sie reicht tiefer, bis in die Statistik hinein.
Bildung wird vererbt, nicht nur gewählt
Die Sozialerhebung, die das Institut für Höhere Studien (IHS) regelmäßig im Auftrag des zuständigen Ministeriums durchführt, zeigt seit Jahren ein stabiles Muster: Kinder aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil einen Hochschulabschluss hat, sind an Österreichs Universitäten deutlich überrepräsentiert. Umgekehrt finden sich junge Menschen, deren Eltern höchstens einen Pflichtschul- oder Lehrabschluss vorweisen, an den Hochschulen seltener, als es ihrem Anteil an der Bevölkerung entspräche.
Fachleute sprechen hier von Bildungsvererbung. Gemeint ist nicht, dass Intelligenz weitergegeben würde, sondern dass sich Bildungswege über Generationen reproduzieren. Wer im Elternhaus erlebt hat, dass ein Studium der selbstverständliche Anschluss an die Matura ist, geht anders an die Entscheidung heran als jemand, in dessen Familie noch niemand inskribiert war. Schon die Frage, ob überhaupt studiert wird, ist also vorgeprägt, lange bevor es um die konkrete Studienrichtung geht.
Dabei beginnt die Weichenstellung früher, als das Schlagwort Studienwahl vermuten lässt. Die nach Angaben der Statistik Austria nach wie vor relevante frühe Trennung der Schullaufbahnen, etwa der Übertritt nach der Volksschule, sortiert Kinder bereits im Alter von zehn Jahren in unterschiedliche Bahnen. Bis zur tatsächlichen Studienentscheidung mit 18 oder 19 haben Familien längst eine Reihe von Vorentscheidungen getroffen, oft ohne sie als solche wahrzunehmen.
Erwartungen, die nie ausgesprochen werden
Der elterliche Einfluss läuft selten über Befehle. Kaum eine Mutter schreibt ihrem Kind vor, Jus statt Geschichte zu studieren. Wirksamer sind die unausgesprochenen Erwartungen, das, was als normal und erstrebenswert gilt. In einer Akademikerfamilie ist die eigentliche Frage oft nicht ob, sondern was und wo, und selbst dabei gibt es eine vertraute Landkarte aus Berufen, Titeln und sozialem Status.
In Familien, in denen ein Hochschulabschluss neu wäre, kann die Konstellation gegenteilig wirken. Manche Eltern ermutigen ihre Kinder gerade deshalb besonders, weil sie ihnen ermöglichen wollen, was ihnen selbst verwehrt blieb. Andere stehen einem langen, unbezahlten Studium skeptisch gegenüber, weil ein sicherer Lehrberuf greifbarer und kalkulierbarer erscheint. Die Österreichische HochschülerInnenschaft (ÖH) weist in ihrer Beratungsarbeit immer wieder darauf hin, dass es bei Erstakademikerinnen und Erstakademikern oft weniger an Fähigkeiten als an Selbstverständlichkeit fehlt, am Gefühl, an die Universität zu gehören.
Hinzu kommt eine ökonomische Komponente, die sich nicht wegreden lässt. Studieren kostet Geld, auch ohne hohe Studiengebühren. Mieten in Wien, Graz oder Innsbruck, Lebenshaltung, Lernmaterial, und die Jahre, in denen kein volles Einkommen erzielt wird. Wo Eltern finanziell unterstützen können, fällt die Entscheidung für ein langes Studium leichter. Wo das Familienbudget knapp ist, müssen viele Studierende neben dem Studium arbeiten, was Studiendauer und Erfolgsquote beeinflusst. Die Familienherkunft wirkt hier doppelt: über Erwartungen und über die Brieftasche.
Die Kluft der Erstakademiker
Besonders aufschlussreich ist der Blick auf jene Gruppe, die im Fachjargon als Bildungsaufsteiger oder Erstakademiker bezeichnet wird, also Studierende, deren Eltern selbst nicht studiert haben. Sie bringen häufig denselben Ehrgeiz mit wie ihre Kommilitonen aus Akademikerfamilien, navigieren das System aber ohne den informellen Wissensvorrat, den andere von zu Hause mitbekommen.
Dieser Vorrat ist unscheinbar, aber wirksam. Er besteht aus Kenntnissen darüber, wie man eine Inskription organisiert, was ein ECTS-Punkt bedeutet, wie man eine Professorin in der Sprechstunde anspricht, wann ein Auslandssemester sinnvoll ist und welche Studienrichtung welche Berufschancen eröffnet. Wer das alles erst während des Studiums lernt, verliert Zeit und mitunter Selbstvertrauen. Die Sozialerhebung des IHS dokumentiert, dass Studierende aus nicht akademischen Elternhäusern ihr Studium häufiger unterbrechen oder abbrechen, und das nicht, weil sie weniger leisten würden, sondern weil die Hürden ungleich verteilt sind.
Auch bei der Wahl der Studienrichtung zeigen sich Muster. Prestigeträchtige und stark reglementierte Fächer wie Medizin oder Rechtswissenschaften weisen einen besonders hohen Anteil an Studierenden aus akademischem Elternhaus auf. Der Medizin-Aufnahmetest, auf den sich viele mit teuren Vorbereitungskursen vorbereiten, verstärkt diesen Effekt zusätzlich, weil sich nicht alle Familien solche Kurse leisten können oder überhaupt von ihnen wissen.
Was Schule und Staat dagegensetzen
Dass dieser Zusammenhang bekannt ist, hat zu einer Reihe von Gegenmaßnahmen geführt. Die Studien- und Berufsorientierung an Österreichs Schulen soll genau dort ansetzen, wo das Elternhaus keine Orientierung bieten kann. An den Universitäten und Fachhochschulen gibt es Schnuppertage, Online-Self-Assessments und Beratungsangebote, die ÖH betreibt eigene Studienberatung, und Messen wie die BeSt in Wien, Graz, Innsbruck und Salzburg bringen jährlich Tausende junge Menschen mit Institutionen zusammen.
Daneben existieren gezielte Programme für Bildungsaufsteiger. Mentoring-Initiativen, bei denen Studierende aus nicht akademischen Familien begleitet werden, sowie Stipendien und Beihilfen sollen finanzielle Hürden senken. Die Studienbeihilfe der staatlichen Studienförderung ist nach wie vor das wichtigste Instrument, um Studierenden aus einkommensschwächeren Haushalten den Hochschulzugang zu ermöglichen.
Die Wirkung solcher Angebote ist real, aber begrenzt. Ein Schnuppertag ersetzt nicht das jahrelange beiläufige Lernen am Familientisch, und ein Stipendium gleicht nicht jede Unsicherheit aus. Beratung kann zudem nur jene erreichen, die den Weg dorthin finden, und gerade diejenigen, die sie am dringendsten bräuchten, suchen sie am seltensten auf. Die Angebote mildern die Ungleichheit, sie heben sie nicht auf.
Wenn Eltern zu viel oder zu wenig steuern
Der elterliche Einfluss kennt zwei problematische Extreme. Auf der einen Seite steht die übersteuernde Variante, bei der Kinder eine Studienrichtung wählen, weil sie der erwartete Pfad ist, nicht weil sie ihren Interessen entspricht. Studienabbrüche im ersten oder zweiten Semester gehen nicht selten auf solche fremdbestimmten Entscheidungen zurück. Beratungsstellen berichten von jungen Menschen, die das von den Eltern gewünschte Fach studieren und erst spät merken, dass es nicht ihres ist.
Auf der anderen Seite steht das Fehlen jeder Orientierung. Wo Eltern aus eigener Erfahrung nichts über das Studium beitragen können und auch keine anderen Bezugspersonen einspringen, treffen junge Menschen ihre Wahl im Blindflug, geleitet von Zufällen, vom Ruf einer Stadt oder vom Numerus clausus benachbarter Studienrichtungen. Beide Extreme zeigen, dass es nicht um mehr oder weniger Einfluss geht, sondern um die richtige Art von Begleitung: informierend, nicht bestimmend.
Was bleibt
Der Einfluss der Eltern auf die Studienwahl ist groß, aber er wirkt anders, als das Bild vom strengen Vater nahelegt, der den Berufsweg diktiert. Er entscheidet weniger über das einzelne Fach als über die selbstverständlichen Grundannahmen: ob überhaupt studiert wird, mit welchem Vertrauen, mit welchem Wissen und mit welcher finanziellen Absicherung. Die Zahlen von Statistik Austria und IHS belegen, dass diese Prägung eine soziale Schlagseite hat, die sich über Orientierungsangebote und Beihilfen abmildern, aber nicht völlig auflösen lässt.
Für die Betroffenen ist das keine Frage abstrakter Bildungspolitik, sondern eine sehr persönliche. Wer als Erste oder Erster in der Familie inskribiert, leistet neben dem Studium eine zusätzliche, unsichtbare Arbeit: das Erlernen einer Welt, die anderen in die Wiege gelegt wurde. Und wer aus einem Akademikerhaushalt kommt, tut gut daran, sich diesen Startvorteil bewusst zu machen, statt ihn für eigene Leistung zu halten. Der ehrlichste Beitrag, den Eltern leisten können, ist vielleicht der unauffälligste: Türen zu öffnen, ohne durch sie hindurchzudrängen.