Im Supermarktregal prangen Logos in Grün, Rot-Weiß und Blau-Grün auf fast jeder Packung. Sie sollen Orientierung geben – und überfordern viele Konsumentinnen und Konsumenten zugleich. Laut einer 2025 veröffentlichten Auswertung von Greenpeace sorgen sich über 60 Prozent der Befragten beim Lebensmittel-Einkauf vor Greenwashing, also vor grünen Versprechen, die nicht halten, was sie suggerieren. Gleichzeitig kursieren in Österreich Dutzende Zeichen, von denen einige staatlich kontrolliert, andere reine Eigenmarken sind.

Dieser Beitrag ordnet die wichtigsten Siegel, die einem im österreichischen Handel täglich begegnen, sachlich ein: das EU-Bio-Logo, das AMA-Gütesiegel, das AMA-Biosiegel und das Fairtrade-Siegel. Es geht weniger darum, ein Zeichen pauschal als "gut" oder "schlecht" abzustempeln, als darum, zu verstehen, was genau jedes garantiert – und was eben nicht.

Das EU-Bio-Logo: die Mindestbasis für "Bio"

Das grüne Rechteck mit dem Blatt aus Sternen ist das bekannteste Bio-Zeichen Europas. Es ist kein freiwilliges Marketinglogo, sondern Pflicht: Laut EU-Kommission muss jedes vorverpackte Bio-Lebensmittel aus der EU dieses Logo tragen. Das schafft eine wichtige Untergrenze – wo "Bio" draufsteht, gelten verbindliche Regeln.

Konkret garantiert das EU-Bio-Logo laut EU-Bio-Verordnung, dass mindestens 95 Prozent der landwirtschaftlichen Zutaten aus biologischer Produktion stammen, dass keine gentechnisch veränderten Organismen eingesetzt werden und dass auf chemisch-synthetische Pflanzenschutz- und Düngemittel weitgehend verzichtet wird. Direkt neben dem Logo steht eine Codenummer der Kontrollstelle sowie eine Herkunftsangabe ("EU-Landwirtschaft", "Nicht-EU-Landwirtschaft" oder ein konkretes Land).

Was das Logo bewusst nicht aussagt: Es trifft keine Aussage über die Region. Ein Bio-Apfel mit EU-Logo kann aus Österreich, aber genauso aus einem Drittland kommen. Auch Tierwohl regelt die Verordnung nur in Grundzügen, und die Anforderungen privater Bio-Verbände wie Demeter oder Bio Austria gehen in mehreren Punkten über das EU-Minimum hinaus. Das EU-Bio-Logo ist also eine verlässliche Basis – aber eben eine Basis, kein Höchststandard. Wer Bio und Region zugleich will, sollte sich die Vorteile regionaler Lebensmittel und kurzer Lieferketten gesondert ansehen.

AMA-Gütesiegel: Herkunft und Qualität – aber nicht Bio

Hier beginnt die häufigste Verwechslung. Das rot-weiße AMA-Gütesiegel ist ein staatlich getragenes Zeichen der AMA-Marketing, signalisiert aber nicht Bio, sondern konventionell erzeugte Ware mit kontrollierter Herkunft und Qualität. Laut AMA-Marketing gehen die Qualitätsanforderungen über die gesetzlichen Bestimmungen hinaus und werden über Produktanalysen und Kontrollen entlang der Wertschöpfungskette abgesichert.

Der Kern des AMA-Gütesiegels ist die Herkunftsgarantie: Die Länderfarben in Verbindung mit der Herkunftsbezeichnung zeigen, woher die Rohstoffe stammen. Beim rot-weißen Siegel mit Herkunftsangabe "Austria" sind Erzeugung, Verarbeitung und Rohstoffe in Österreich angesiedelt. Das ist gerade bei Fleisch, Milch und Eiern eine echte Orientierungshilfe, weil das Lebensmittelrecht eine durchgängige Herkunftskennzeichnung nicht überall vorschreibt.

Kritik gibt es dennoch, vor allem beim Tierwohl. Greenpeace bemängelte zuletzt, dass das AMA-Gütesiegel bei der Standard-Schweinehaltung in vielen Punkten nur knapp über dem gesetzlichen Minimum liege – etwa bei Vollspaltenböden und fehlendem Beschäftigungsmaterial. Die AMA-Marketing widerspricht und verweist auf einen Masterplan, der bis 2030 deutlich mehr Tiere in höhere Haltungsstufen bringen soll. Für den Einkauf heißt das: Das AMA-Gütesiegel ist eine starke Herkunfts- und Qualitätszusage, aber kein umfassendes Tierwohl- oder Umweltsiegel. Wer mehr Tierwohl will, achtet zusätzlich auf die Haltungsformkennzeichnung oder höhere AMA-Module.

Das AMA-Gütesiegel beantwortet vor allem die Frage "Woher kommt es?" – nicht automatisch die Frage "Wie wurde das Tier gehalten?".

AMA-Biosiegel: das Bio-Pendant mit Österreich-Bezug

Verwirrend ähnlich, aber inhaltlich anders ist das AMA-Biosiegel. Es ist laut AMA-Marketing neben dem EU-Bio-Logo das einzige behördliche Bio-Siegel in Österreich, und seine Anforderungen gehen über die EU-Bio-Verordnung hinaus. Es kombiniert also den Bio-Standard mit zusätzlichen Qualitäts- und Umweltkriterien sowie einer nachvollziehbaren Herkunft.

Auch hier entscheidet die Farbe: Das rot-weiße AMA-Biosiegel mit der Angabe "Austria" garantiert Österreich als Herkunft der Rohstoffe und als Ort der Be- und Verarbeitung. Beim schwarz-weißen AMA-Biosiegel ist die Herkunft dagegen nicht auf Österreich eingeschränkt – ein Detail, das im Regal leicht übersehen wird. Wer gezielt heimische Bio-Ware sucht, sollte auf die rot-weiße Variante achten.

Die drei AMA-Logos lassen sich also so merken: Gütesiegel rot-weiß steht für konventionelle Qualität aus Österreich, Biosiegel rot-weiß für Bio aus Österreich, Biosiegel schwarz-weiß für Bio ohne Herkunftsbindung. Wer diese Logik einmal verinnerlicht hat, erkennt im Vorbeigehen, ob ein Produkt bio ist – und ob es aus Österreich kommt.

Fairtrade: ein soziales Siegel, kein Bio-Siegel

Das blau-grüne Fairtrade-Siegel zielt auf eine ganz andere Dimension. Es geht nicht primär um Anbauweise oder Herkunft, sondern um faire Handelsbedingungen für Produzentinnen und Produzenten im globalen Süden. Laut Fairtrade Österreich garantiert das Siegel einen Mindestpreis und eine zusätzliche Fairtrade-Prämie für Kooperativen, sodass Kleinbäuerinnen und Kleinbauern auch bei schwankenden Weltmarktpreisen einen kostendeckenden Erlös erhalten. Typische Produkte sind Kaffee, Kakao, Bananen und Zucker.

Zur Einordnung gehört aber auch die Kritik. Das Fairtrade-Siegel garantiert keine biologische Erzeugung – Bio und Fairtrade sind getrennte Systeme, die sich nur kombiniert auf einer Packung finden, wenn beide Zeichen abgebildet sind. Bei zusammengesetzten Produkten muss zudem nur ein Teil der Zutaten fair gehandelt sein; der erforderliche Mindestanteil wurde 2011 von 50 auf 20 Prozent gesenkt, sofern andere faire Zutaten nicht verfügbar sind. Für Konsumentinnen und Konsumenten ist das auf der Packung kaum erkennbar. Das Siegel bleibt ein sinnvolles Instrument für mehr Gerechtigkeit im Welthandel – nur sollte man es nicht als Umwelt- oder Bio-Garantie missverstehen.

Wo Greenwashing droht – und was sich 2026 ändert

Das eigentliche Problem im Regal sind weniger die etablierten Siegel als die Flut an Eigenkreationen. Laut einer von Greenpeace 2025 vorgestellten Auswertung von 42 Lebensmittel-Gütezeichen halten rund 26 Prozent ihr Nachhaltigkeitsversprechen nicht oder nur eingeschränkt ein. Auch der Verein für Konsumenteninformation (VKI) sammelt über seinen Greenwashing-Check seit Jahren Fälle, in denen Zeichen oder grüne Werbeaussagen mehr versprechen, als sie belegen können. Besonders heikel sind selbst gestaltete Logos, die mit Blättern, Erdkugeln oder Begriffen wie "klimaneutral" einen Eindruck erwecken, ohne dass ein unabhängiges Kontrollsystem dahintersteht.

Genau hier setzt neues EU-Recht an. Laut EU-Kommission verbietet die sogenannte EmpCo-Richtlinie ("Empowering Consumers") künftig selbst erstellte Nachhaltigkeitssiegel ohne transparentes Zertifizierungssystem sowie vage Pauschalbegriffe wie "umweltfreundlich" ohne belastbaren Nachweis. Die Richtlinie ist seit März 2024 in Kraft; die Anwendung soll EU-weit ab 27. September 2026 greifen. In Österreich erfolgt die Umsetzung im Wesentlichen über eine Novelle des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG), die nach derzeitigem Stand verzögert ist – das Datum 27. September 2026 gilt aber weiter als Orientierung.

Bis dahin gilt im Alltag eine einfache Faustregel: Vertrauen verdienen Siegel, hinter denen eine unabhängige, nachvollziehbare Kontrolle steht – etwa das EU-Bio-Logo, die behördlichen AMA-Siegel oder das international getragene Fairtrade-System. Bei Zeichen ohne erkennbaren Träger, ohne Kontrollnummer und ohne Erklärung lohnt sich gesunde Skepsis. Wer im Zweifel ist, kann das VKI-Angebot zum Nachschlagen nutzen oder, ganz analog, die Zutatenliste und die Herkunftsangabe lesen.

Ein letzter praktischer Tipp: Kein Siegel ersetzt den Blick auf das Produkt selbst. Ein Logo sagt etwas über Anbau, Herkunft oder Handel – nicht aber darüber, ob ein Lebensmittel im eigenen Haushalt tatsächlich verbraucht oder weggeworfen wird. Wer Siegel klug liest und gleichzeitig Lebensmittelverschwendung im Alltag reduziert, holt aus bewusstem Einkauf am meisten heraus.