In der Nacht auf den 29. Juni kühlte es auf der Jubiläumswarte im Westen Wiens nicht unter 27,3 Grad ab. Ein Tiefstwert, wohlgemerkt: Kühler wurde es in dieser Nacht nicht. Laut GeoSphere Austria ist das der höchste jemals in Österreich gemessene Nacht-Minimalwert seit Beginn der Aufzeichnungen. Tags zuvor, am 28. Juni, hatte die Messstation Hohe Warte 39,7 Grad registriert und damit gleich zwei Marken pulverisiert: den Wiener Juni-Rekord von 36,1 Grad aus dem Jahr 1950 und den absoluten Jahresrekord von 38,5 Grad aus dem August 2013.

Die Hitzewelle, die am 18. Juni begann und erst am 1. Juli im Osten des Landes endete, war nach Auswertung der GeoSphere Austria in Wien, Innsbruck und Bregenz die schwerste seit Messbeginn, in Linz gleichauf mit jener von 2015 – in Wien reichen die Reihen bis 1872 zurück. An 157 der 277 Wetterstationen des Landes fielen neue Juni-Höchstwerte, an 66 Stationen sogar neue Jahresrekorde. Unterhalb von 800 Metern Seehöhe gab es je nach Region zehn bis 14 Hitzetage in Folge, also Tage mit mindestens 30 Grad. Der Sommer 2026 hat gerade erst begonnen, und er stellt den österreichischen Städten bereits die Frage, auf die sie seit Jahren Antworten suchen: Wie lebt man in einer Stadt, die nicht mehr abkühlt?

Ein Juni für die Rekordbücher

Was die Meteorolog:innen dabei besonders beunruhigt, ist weniger der einzelne Spitzenwert als die Dauer. Die stärksten Hitzewellen dauern laut GeoSphere Austria heute im Mittel sieben Tage länger als um 1960, eine Zunahme um rund 140 Prozent. Auch die Fallhöhe der neuen Rekorde ist ungewöhnlich: Im Schnitt lagen die Juni-Höchstwerte 2026 um 1,4 Grad über den bisherigen Bestmarken, an 46 Stationen sogar um zwei Grad und mehr. In der Nacht auf den 29. Juni verzeichneten 94 Wetterstationen eine Tropennacht, in der die Temperatur nicht unter 20 Grad fiel.

Der langfristige Trend zeigt in dieselbe Richtung. An der Wiener Hohen Warte lag die Zahl der Hitzetage in der Klimaperiode 1961 bis 1990 im Schnitt bei 9,6 pro Jahr, in der Periode 1991 bis 2020 hat sich dieser Wert auf rund 21 mehr als verdoppelt. Wie sich die Erwärmung insgesamt auf das Land auswirkt, von Gletscherschwund bis Ernteausfällen, haben wir in unserer Analyse zu den Folgen des Klimawandels in Österreich zusammengetragen. Für die Städte kommt aber ein Faktor dazu, der mit dem globalen Klima nur indirekt zu tun hat: Sie heizen sich stärker auf als ihr Umland.

Warum die Stadt nicht abkühlt

Der Unterschied lässt sich in Wien direkt ablesen. 2024 zählte die Messstation Innere Stadt 52 Hitzetage, die Hohe Warte am grünen Stadtrand nur 45. Asphalt, Beton und dichte Bebauung speichern tagsüber Wärme und geben sie nachts wieder ab, während Verdunstung über Boden und Pflanzen fehlt. Fachleute sprechen vom städtischen Wärmeinseleffekt, und er wird durch jeden zusätzlich versiegelten Quadratmeter verstärkt.

Genau hier liegt Österreichs strukturelles Problem. Nach den aktuellen Monitoringdaten von ÖROK und Umweltbundesamt wurden zwischen 2022 und 2025 im Schnitt 6,5 Hektar Fläche pro Tag neu in Anspruch genommen, mehr als die Hälfte der beanspruchten Flächen ist versiegelt. Der WWF, der eine breitere Definition verwendet, kommt für 2025 sogar auf 7,7 Hektar Bodenverbrauch pro Tag. Versiegelter Boden kann kein Wasser aufnehmen und nicht kühlen, er macht aus Sommerhitze ein Gesundheitsrisiko.

Wie ernst dieses Risiko ist, zeigen die Zahlen der AGES: Ihr Hitze-Mortalitätsmonitoring weist für den Sommer 2025 449 hitzebedingte Todesfälle in Österreich aus, für das Rekordjahr 2024 waren es nach der neuen, international vergleichbaren Berechnungsmethode 989. Die meisten Opfer sind ältere Menschen, chronisch Kranke und Personen, die sich keine kühle Wohnung leisten können. Hitze ist damit die tödlichste Wetterfolge des Klimawandels im Land, deutlich vor Hochwasser oder Sturm.

Was Wien konkret unternimmt

Wien hat bereits 2022 einen umfassenden Hitzeaktionsplan präsentiert, der kurzfristige Schutzmaßnahmen für vulnerable Gruppen mit langfristigem Stadtumbau kombiniert. Sichtbarstes Element sind heuer die Coolen Zonen: 34 frei zugängliche, gekühlte Räume in 20 Bezirken, untergebracht in Büchereien, Pensionist:innenklubs, Amtshäusern und Sozialeinrichtungen. Geöffnet sind sie laut Stadt Wien seit 1. Juni, seit Ende Juni sind sie samt Öffnungszeiten im Online-Stadtplan der Stadt abrufbar.

Dazu kommt eine Wasser-Infrastruktur, die im Sommer 2026 ihren bisher größten Umfang erreicht: rund 1.800 öffentliche Trinkbrunnen, 123 Nebelduschen und Nebelstelen in Parks, 100 Sommerspritzer und 75 mobile Trinkbrunnen mit Sprühfunktion, die unter dem Namen „Brunnhilde" durch die Bezirke wandern. Beim Stadtumbau setzt Wien auf das Programm „Raus aus dem Asphalt": Nach Angaben der Stadt wurden seit dem Start 344 Entsiegelungs- und Begrünungsprojekte in allen 23 Bezirken umgesetzt und allein im Straßenraum 3.316 Bäume gepflanzt. Die „Coolen Straßen Plus" gehen noch einen Schritt weiter, dort wird Asphalt dauerhaft aufgebrochen und durch Grünflächen und Baumscheiben ersetzt. Insgesamt pflanzt die Stadt nach eigenen Angaben bis zu 4.500 Bäume pro Jahr, allein die Wiener Stadtgärten pflegen mehr als 500.000 Stadtbäume.

„Grünflächen kühlen die Luft um drei bis sechs Grad Celsius", rechnet die Stadt Wien vor – kein anderes Instrument der Klimawandelanpassung ist so wirksam wie Schatten und Verdunstung.

Dass mehr Stadtgrün nicht nur kühlt, sondern auch Lebensraum schafft, zeigt sich an den 15 „Wiener Wäldchen", dicht bepflanzten Miniwäldern auf ehemaligen Asphalt- und Schotterflächen. Welche Rolle solche Flächen für Insekten, Vögel und das ökologische Gleichgewicht spielen, haben wir im Beitrag über Biodiversität in Wien, Graz und Linz beschrieben.

Graz und Linz ziehen nach

Graz, klimatisch durch seine Beckenlage besonders belastet, hat einen eigenen Hitzeaktionsplan präsentiert, der greift, sobald das Land Steiermark eine Hitzewarnung für den Grazer Zentralraum ausgibt. Er umfasst kühle Räume in Bibliotheken und Kirchen, gratis Trinkbrunnen in allen Bezirken und gezielte Information für Risikogruppen, etwa über Pflegedienste. Parallel läuft die Begrünung: Über 2.600 Bäume wurden laut Stadt Graz in den vergangenen Jahren neu gepflanzt, innerstädtische Plätze entsiegelt und „grüne Inseln" angelegt. Dass die Steiermark 2025 mit 93 hitzebedingten Todesfällen laut AGES die höchste Zahl aller Bundesländer verzeichnete, verleiht dem Programm zusätzliche Dringlichkeit.

Linz erlebte den Juni 2026 als Weckruf: Erstmals in der Messgeschichte der Stadt schien die 40-Grad-Marke in Reichweite, wie der Medienservice der Stadt Ende Juni warnte, am Ende blieb es bei einem Rekordwert von gut 39 Grad. Der Linzer Hitzeschutzplan regelt Warnstufen und Schutzmaßnahmen, mehr als 90 Trinkwasserbrunnen stehen bereit. Vor allem aber hat sich die Stadt eine Baumpflanzoffensive verordnet: 1.000 zusätzliche Bäume binnen zehn Jahren, gezielt in innerstädtischen Lagen mit hohem Versiegelungsgrad. Wie viel das bringen kann, zeigt eine 2018 veröffentlichte Studie zum Linzer Stadtklima: Schon eine Baumreihe am Hauptplatz würde die Strahlungstemperatur an heißen Tagen um zwölf Grad senken. Ergänzend fördert Linz Fassaden- und Dachbegrünungen, die Gebäude dämmen und das Mikroklima im Grätzel verbessern.

Was in Gebäuden wirklich hilft

Der wirksamste Hitzeschutz in der Wohnung ist zugleich der unspektakulärste: die Sonne gar nicht erst hereinlassen. Außenliegender Sonnenschutz wie Raffstores, Rollläden oder Fensterläden hält laut Umweltberatung 80 bis 90 Prozent der Sonneneinstrahlung ab, innenliegende Rollos und Vorhänge schaffen je nach Ausführung nur 5 bis 45 Prozent, weil die Wärme dann bereits im Raum ist. Simulationen zeigen, dass gut geplante Beschattung die maximale Raumtemperatur um mehrere Grad senken und den Kühlenergiebedarf deutlich reduzieren kann. Ein Klimagerät ist damit in vielen Wohnungen verzichtbar, samt Stromkosten und Abwärme, die es in die Gasse bläst.

Für heiße Wochen wie Ende Juni haben sich einige Grundregeln bewährt:

  • Tagsüber Fenster geschlossen halten und außen beschatten, gelüftet wird nachts und in den frühen Morgenstunden, idealerweise quer durch die Wohnung
  • Elektrogeräte konsequent abschalten, denn jeder Standby-Verbrauch ist auch eine kleine Heizung
  • Ventilatoren gezielt einsetzen, sie kühlen zwar nicht die Luft, beschleunigen aber die Verdunstung auf der Haut
  • Bei Sanierung oder Neubau außenliegende Beschattung, helle Oberflächen und Dach- oder Fassadenbegrünung von Anfang an mitplanen

Langfristig entscheidet sich die Hitzetauglichkeit der Städte allerdings nicht am einzelnen Rollladen, sondern an der Fläche. Jeder Hektar, der nicht versiegelt wird, jeder Baum, der heute gepflanzt wird und in 20 Jahren Schatten wirft, senkt die Temperatur für alle. Der Juni 2026 hat gezeigt, wie kurz die Zeit dafür ist: Die nächste Hitzewelle kommt nicht irgendwann, sie kommt im Juli.