In Wien-Floridsdorf steht das größte Rechenzentrum Österreichs, und es heizt ein Krankenhaus. Wärmepumpen von Wien Energie entziehen dem rund 26 Grad warmen Kühlwasser der Serverhallen von Digital Realty die Energie und bringen sie auf bis zu 82 Grad – genug, um die Klinik Floridsdorf mit Fernwärme zu versorgen. Es ist ein Vorzeigeprojekt, und es zeigt beide Seiten einer Entwicklung, die sich gerade dramatisch beschleunigt: Rechenzentren werden zu Großverbrauchern im Stromsystem, und zugleich zu einer Energiequelle, die bisher kaum jemand angezapft hat.
Wie schnell die Beschleunigung geht, hat der Juni vorgeführt. Am 16. Juni 2026 kündigte SpaceX an, das KI-Unternehmen Anysphere, die Firma hinter dem Programmierwerkzeug Cursor, für 60 Milliarden Dollar zu übernehmen – vier Tage nach dem eigenen Rekordbörsengang, vollständig in Aktien, die größte Übernahme eines Start-ups, die je verzeichnet wurde. Der Deal ist ein Symptom: Die fünf größten Hyperscaler – Amazon, Microsoft, Alphabet, Meta und Oracle – haben für 2026 zusammen Investitionen von 660 bis 725 Milliarden Dollar angekündigt, zu einem großen Teil für KI-Infrastruktur. Und jeder dieser Dollars landet am Ende dort, wo Künstliche Intelligenz physisch existiert – in Rechenzentren, die Strom brauchen. Sehr viel Strom.
Was die IEA für 2030 erwartet
Die Internationale Energieagentur (IEA) hat die Größenordnung in ihrem Bericht „Energy and AI" beziffert: Der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren dürfte sich von rund 485 Terawattstunden im Jahr 2025 auf etwa 950 Terawattstunden 2030 verdoppeln. Das wären rund drei Prozent des globalen Strombedarfs – und mehr, als Japan heute insgesamt verbraucht. Der Anteil, der auf KI-Anwendungen entfällt, wächst dabei am schnellsten: Er soll sich laut IEA im selben Zeitraum verdreifachen. Schon 2025 legte der Stromverbrauch von KI-Rechenzentren nach IEA-Angaben um 50 Prozent zu, der aller Rechenzentren um 17 Prozent.
Auch Europa bleibt davon nicht unberührt, wenn auch in kleinerem Maßstab: Die IEA rechnet bis 2030 mit einem Zuwachs von mehr als 45 Terawattstunden bei europäischen Rechenzentren, ein Plus von rund 70 Prozent. In ihrem im Februar erschienenen Bericht „Electricity 2026" geht die Agentur zudem davon aus, dass der globale Strombedarf bis 2030 um durchschnittlich 3,6 Prozent pro Jahr steigt – anderthalbmal so schnell wie im Jahrzehnt davor. Rechenzentren sind neben Klimaanlagen, E-Autos und Wärmepumpen einer der Haupttreiber. Für die EU erwartet die IEA bis 2030 ein Nachfragewachstum von rund zwei Prozent pro Jahr.
Zur Einordnung: Ganz Österreich verbrauchte laut E-Control im Jahr 2025 66,75 Terawattstunden Strom. Allein das europäische Rechenzentrums-Wachstum bis 2030 entspricht also mehr als zwei Dritteln des österreichischen Gesamtverbrauchs.
Irland und die Niederlande: zwei Warnungen
Wohin ungebremstes Wachstum führen kann, lässt sich in Irland besichtigen. Dort verbrauchten Rechenzentren nach Angaben des Netzbetreibers EirGrid schon 2024 rund 22 Prozent des gesamten Stroms im Land; im Großraum Dublin, wo fast alle irischen Rechenzentren stehen, liegt ihr Anteil bei etwa der Hälfte der regionalen Nachfrage. Die Folge war ein De-facto-Anschlussstopp: Seit 2021 bekamen neue Rechenzentren rund um Dublin praktisch keinen Netzzugang mehr. Erst im Dezember 2025 hob die Regulierungsbehörde CRU das Moratorium wieder auf – unter strengen Auflagen. Wer künftig ans Netz will, muss eigene Erzeugung oder Batteriespeicher in der Größe der eigenen Anschlussleistung mitbringen und in Engpasssituationen Strom ans Netz zurückliefern.
In den Niederlanden ist das Problem breiter: Dort ist das Stromnetz in weiten Teilen des Landes schlicht voll. Beim Übertragungsnetzbetreiber TenneT und den Verteilnetzen warteten im Oktober 2025 nach Berichten niederländischer Medien mehr als 14.000 Unternehmen auf einen Netzanschluss oder eine Erweiterung, die Wartezeit für Großverbraucher kann bis zu zehn Jahre betragen. Für große Teile der Provinz Noord-Holland hat TenneT angekündigt, dass es für Großabnehmer – ausdrücklich auch Rechenzentren – bis weit in die 2030er-Jahre keine zusätzliche Kapazität geben wird.
Irland zeigt, was passiert, wenn Rechenzentren schneller wachsen als das Netz. Österreich hat noch die Wahl, es anders zu machen.
Beide Länder waren früh dran und haben die Rechenzentrumsindustrie jahrelang aktiv angeworben. Heute ringen sie damit, das Wachstum mit Klimazielen und Netzstabilität zu vereinbaren. Für Länder, die jetzt erst zum Standort werden, ist das eine Blaupause dessen, was zu vermeiden wäre.
Österreich wird gerade zum Rechenzentrums-Land
Und Österreich wird gerade Standort. Rund 50 Rechenzentren mit einem Gesamtverbrauch von rund 1,4 Terawattstunden zählt das Branchenmagazin report.at derzeit im Land, knapp die Hälfte davon in Wien und Umgebung. Das sind gut zwei Prozent des nationalen Stromverbrauchs – noch. Denn die Projektliste ist lang geworden.
Das größte Vorhaben steht in Oberösterreich: In Kronstorf bei Enns hat Google am 23. April 2026 den Spatenstich für ein Rechenzentrum auf einem rund 500.000 Quadratmeter großen Areal gesetzt. Im Endausbau soll die Anlage nach Medienberichten bis zu 3,5 Terawattstunden pro Jahr verbrauchen – so viel wie rund 900.000 Haushalte, mehr als das Doppelte aller heutigen österreichischen Rechenzentren zusammen. Der Übertragungsnetzbetreiber APG errichtet dafür eigens einen neuen 220-Kilovolt-Versorgungsring und baut zwei Umspannwerke aus. In Niederösterreich betreibt Microsoft seit 2025 drei Standorte rund um Wien, die gemeinsam die „Cloud-Region Österreich" bilden; die Wiener Netze mussten dafür eine eigene Schaltanlage bauen.
Wie groß der Appetit tatsächlich ist, verrät die Rechenzentren-Strategie, die das Land Niederösterreich im April 2026 präsentiert hat: Aktuell liegen dort Anfragen für Projekte mit einer Anschlussleistung von rund 3.400 Megawatt vor – rechnerisch doppelt so viel, wie das ganze Bundesland heute an Strom verbraucht. Nicht alles davon wird gebaut werden, vieles sind Mehrfachanfragen von Projektentwicklern. Aber die Zahl zeigt, welcher Druck auf den Netzen entstehen kann, wenn keine Standortsteuerung erfolgt. Dazu kommt Wiens Bewerbung um eine der europäischen KI-Gigafactories, die im Juni 2025 eingereicht wurde; bei einem Zuschlag könnte der Bau 2028 beginnen. Wer wissen will, warum das alle angeht: Netzausbau wird über die Netzentgelte finanziert, und die stehen ohnehin schon unter Druck, wie der Blick auf die Strompreise in Österreich 2026 zeigt.
Wien-Floridsdorf: Wo die Abwärme nicht verpufft
Zurück nach Floridsdorf, denn dort lässt sich besichtigen, wie es besser gehen kann. Digital Realty, seit der Übernahme von Interxion Betreiber des größten heimischen Rechenzentrums-Campus, baut den Standort massiv aus: Der Neubau VIE13 soll laut Unternehmensangaben rund 40 Megawatt zusätzliche IT-Kapazität auf einem 22.000 Quadratmeter großen Grundstück bringen und gilt als erstes „AI-ready" Rechenzentrum Österreichs. Rund 250 Millionen Euro fließen in die erste Ausbaustufe, die Ende 2026 in Betrieb gehen soll, mehr als 400 Millionen in den Endausbau.
Der entscheidende Punkt steckt aber im Kühlkonzept. Rechenzentren verwandeln praktisch ihren gesamten Stromverbrauch in Wärme, die üblicherweise über Kühltürme an die Luft abgegeben wird – ein doppelter Verlust. In Floridsdorf wird sie stattdessen genutzt: Seit der Heizperiode 2023/24 heizt die Abwärme über drei Ein-Megawatt-Wärmepumpen von Wien Energie die benachbarte Klinik Floridsdorf, und der neue Campus soll seine Abwärme ins Wiener Fernwärmenetz einspeisen. report.at bezeichnet das Vorhaben als größtes Abwärmeprojekt Österreichs. Die niederösterreichische Rechenzentren-Strategie macht Abwärmenutzung und die Nähe zu Umspannwerken ebenfalls zu zentralen Standortkriterien – ein Ansatz, den Irland und die Niederlande erst nachträglich und unter Schmerzen eingeführt haben.
Ob das reicht, hängt an einer Frage, die niemand seriös beantworten kann: Wie lange hält der KI-Investitionsboom? Die 60 Milliarden Dollar für Cursor entsprechen einem Vielfachen des Jahresumsatzes der Firma, und Elon Musks Konglomerat aus Raketen, Satelliten und KI hat auch abseits der Bilanz eine beachtliche Umweltrechnung offen. Platzt die Blase, bleiben halb gebaute Hallen und überdimensionierte Netzanschlüsse. Hält der Boom, verdoppelt sich der Strombedarf der Branche binnen weniger Jahre. Für Österreich heißt das: Die Frage ist nicht mehr, ob KI-Rechenzentren kommen. Sie sind schon da. Die Frage ist, ob ihr Strom sauber ist, ihr Standort klug gewählt – und ihre Wärme mehr heizt als nur die Atmosphäre.
